Begrifflichkeiten

Glossar für die Suche nach einem alternativen Verständnis zentraler Begriffe des Globalen Lernens

 

Das BREBIT-Glossar nähert sich Begriffen, die gegenwärtig in der historisch-politischen Bildung und im Globalen Lernen verwendet werden, kritisch und sensibel gegenüber herrschenden Machtstrukturen. Begriffsdefinitionen sind nicht allgemeingültig. Sie stehen für die Perspektiven derer, die definieren. Das BREBIT-Glossar bedient sich bewusst transkultureller Quellen. Es öffnet sich hin zur Multiperspektivität, die nicht nur ein Gebot globaler Gerechtigkeit ist, sondern auch die Voraussetzung für konstruktive Kritik und Erkenntniszuwachs.

Begriffsdefinitionen sind ein Teil unserer Sprache. Sie sind historisch und durch koloniale Einflüsse geprägt, werden aber auch vom gegenwärtigen sozialen Wandel besonders im Kontext von Globalisierung beeinflusst. Dieses Glossar orientiert sich an Grundwerten des Antirassismus, der globalen Gerechtigkeit sowie der kritischen Auseinandersetzung mit Kolonialitäten.

Benennungen/Namen. Benennungen sind politisch, insofern sie Zuordnungen vornehmen, die häufig mit Bewertungen verbunden sind. Selbstbezeichnungen von einzelnen Menschen und von Gruppen sind daher jeder Art von Fremdbezeichnung vorzuziehen, um implizit oder explizit abwertende Botschaften in der Bezeichnungspraxis zu vermeiden und die Definitionsmacht bei jenen zu lassen, die betroffen sind. Besonders respektlos ist die bewusste Zurückweisung von Selbstbezeichnungen.

Critical Whiteness (Dt.: Kritisches Weißsein). Der Ansatz des Critical Whiteness geht davon aus, dass Rassismus von Weißen praktiziert wurde und wird und deshalb vor allem ein Problem ist, das sie selbst geschaffen haben – konsequenterweise müssen sich also Weiße mit der Konstruktion von Weißsein beschäftigen, um offenzulegen, wie Rassismus wirkt. Weißsein wird dabei als gesellschaftliche Norm konstruiert, wodurch Privilegien, die weiße Menschen genießen, denselben häufig gar nicht bewusst sind. Critical Whiteness fördert die Reflexion der weißen gesellschaftlichen Positionierung und die Auseinandersetzung mit persönlichen Verstrickungen in rassistische Strukturen.

Definitionsmacht. In emanzipatorischen Diskursen über rassistische, sexistische und andere diskriminierende Gewalt  wird Definitionsmacht allein den »Betroffenen« einer Diskriminierung zugestanden, die selbst entscheiden dürfen, wann eine Grenzüberschreitung stattfindet und ob er_sie sich durch eine Aussage oder Handlung herabgesetzt fühlt. Eine solche Entscheidung ist nach diesem Konzept nicht mehr anzufechten.

Dekolonial. Der Begriff verweist auf eine Haltung oder eine Vorstellung von der Welt, die Geschichte und Gegenwart nicht allein von Europa aus bewertet, sondern stattdessen auch jene Menschen, die seit der europäischen kolonialen Expansion im 15. Jahrhundert auf verschiedene Weise unterdrückt worden sind/werden, als historische Akteur_innen und gesellschaftliche Subjekte begreift. Dekolonial bezieht sich dabei nicht nur auf die praktische politische Entkolonisierung von Nationalstaaten, sondern vor allem auch auf ein Dekonstruieren, Verlernen und Erneuern von kolonialrassistischen Denkmustern und Gesellschaftsstrukturen, die seit 600 Jahren wirken.

Diaspora. Diaspora bedeutet wörtlich „Zerstreuung“ und wird schon seit der Antike als Begriff verwendet. Er beschreibt menschliche Migrationsprozesse und bezeichnet die Gesamtheit der in verschiedene Regionen migrierten Gemeinschaften gleicher Herkunft. Diese Migration kann freiwillig oder wie im Falle der Jüdinnen und Juden bei der Vertreibung aus Palästina und bei der Versklavung und Deportation afrikanischer Menschen nach Amerika unter Gewaltandrohung erfolgt sein. Es finden sich aber auch Diasporas von Arbeitsmigrant_innen, die wirtschaftliche Motive für ihre Auswanderung haben, sowie von Kolonisierenden, deren imperiale Migration – wie zum Beispiel in Namibia, den USA, Australien und Neuseeland - mit extremer Gewalt durchgesetzt wurde.
 
»Entwicklung«. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts wird in deutschen
Wörterbüchern »Entwicklung« bzw. »entwickeln« als »sich stufenweise herausbilden« oder »in einem Prozess fortlaufend in eine neue (bessere) Phase treten« definiert. Der Begriff ist in unserem Sprachgebrauch also eindeutig positiv besetzt und drückt ein erstrebenswertes Ziel aus. Als Maßstab und Ziel jeder Entwicklung wird in der Regel der industrialisierte Norden definiert. Dadurch kommt es zu einer Hierarchisierung verschiedener Lebensweisen. Diese Einteilung und Bewertung von Gesellschaften legitimiert(e) koloniale Herrschaft und neokoloniale Einflussnahmen. Afrika und Amerika wurde lange Zeit sogar jede Entwicklungsfähigkeit abgesprochen. Viele Theorien und Bewegungen kritisier(t)en diese eurozentrische Sicht auf »Entwicklung« und versuch(t)en, anderes Denken über Gesellschaft sichtbar zu machen.

Entwicklungsland/Entwicklungshilfe. Diesen Begriffen liegt die eurozentrische Vorstellung zugrunde, dass es einen Weg gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Entwicklung gäbe, an dem alle Gesellschaften/Länder zu messen wären. In der Praxis ist eine solche Klassifizierung von Ländern häufig mit (neokolonialer) Gewalt verbunden. Die Vorstellung von „Entwicklungsländern“, denen „Entwicklungshilfe“ gegeben wird, blendet die Ursachen von Armut und globaler Abhängigkeit aus. Koloniale Verbrechen und (neo-)koloniale Politiken, wie beispielsweise willkürliche Grenzziehungen oder die fortdauernde Ausbeutung natürlicher Ressourcen zugunsten des Globalen Nordens, tragen maßgeblich dazu bei, globale Ungleichheiten zu befestigen. Deshalb fordern Aktivist_innen weltweit zunehmend Reparationen, also Wiedergutmachung, statt „Entwicklungshilfe“ oder statt Projekten der „Entwicklungszusammenarbeit“ ein.

Eurozentrismus. Dieser Begriff beschreibt die Beurteilung der Welt aus der Perspektive „europäischer Werte und Normen“. Europa wird als das Zentrum des Denkens und Handelns verstanden und seine Entwicklungsgeschichte als Maßstab für andere  Kontinente gesehen.

Exotismus ist eine Form des Eurozentrismus und Rassismus, der Schwarze Menschen und Menschen of Colour als essentiell „anders“ bewertet. Ursprünge des Exotismus finden sich im Zeitalter des Kolonialismus, als gesellschaftskritische weiße Europäer_innen begannen, das konstruierte »Fremde« und „Freie“ zu idealisieren (z.B. »Der edle Wilde«). Schwarze Menschen und PoC wurden dabei als Projektionsflächen für die eigene Befreiung aus sexuellen und gesellschaftlichen Zwängen missbraucht. Es handelt sich dabei also auch um eine rassistische und oft sexistische Praxis.

Globaler Süden & Globaler Norden. Diese beiden Begriffe sind nicht geografisch zu verstehen, sondern beschreiben verschiedene Positionen im globalen System. Der Globale Süden ist dabei politisch, gesellschaftlich und ökonomisch benachteiligt, der Globale Norden hingegen genießt zahlreiche Vorteile und Privilegien. Die Begriffe werden als Alternative zu den (ab-)wertenden Bezeichnungen »Entwicklungsländer« und »entwickelte Länder« verwendet.

Indigen. Indigen bezeichnet in den gleichnamigen Forschungszweigen jene Bevölkerungsgruppen, die seit Generationen auf dem Land leben und zu diesem einen engen kulturellen und ökonomischen Bezug haben. In der politischen Bildungsarbeit versuchen wir mit der Bezeichnung „indigene Gesellschaften“ (ab-)wertende Begriffe wie „Eingeborene“ zu vermeiden. Als Alternativbegriff empfehlen wir statt des an „Urmenschen“ und „Urgesellschaft“ erinnernden Begriffs der „Ureinwohner_innen“ den respektvolleren Ausdruck „Ersteinwohner_innen“ zu verwenden, der zudem den geschichtlichen Verlauf der Kolonisierung korrekt reflektiert.

Kolonialismus. Kolonialismus ist eine Herrschaftsbeziehung zwischen Kollektiven, bei welcher die fundamentalen Entscheidungen über die Lebensführung der Kolonisierten durch eine kaum anpassungswillige Minderheit von Kolonisierenden unter vorrangiger Berücksichtigung auswärtiger Interessen getroffen und tatsächlich durchgesetzt werden. Damit verbinden sich in der Neuzeit in der Regel eine Sendungsideologie und Rechtfertigungsdoktrinen, die auf der Überzeugung der Kolonialherren von ihrer eigenen kulturellen Höherwertigkeit beruhen. (nach Jürgen Osterhammel)

Kolonialität. Moderne gesellschaftliche Strukturen von Machtausübung und Wissensproduktion sind kolonial-rassistisch geprägt. Diese Kontinuität der Verknüpfung zwischen Kapitalismus, Rassismus und ‚Moderne‘ in post-kolonialen Gesellschaften bezeichnete der peruanische Sozialwissenschaftler Aníbal Quijano als Kolonialität.
Quelle: Autor*innenKollektiv Rassismuskritischer Leitfaden (Hg.) (2015): Rassismuskritischer Leitfaden zur Reflexion bestehender und der Erstellung neuer didaktischer Lehr-und Lernmaterialien für die schulische und außerschulische Bildungsarbeit zu Schwarzsein, Afrika und afrikanischer Diaspora. Berlin.
Kolonialwaren. Als „Kolonialwaren“ galten einst diejenigen Produkte, die aus Kolonien importiert wurden. An manchen Stellen hat sich im Stadt- oder Ortsbild der Schriftzug „Kolonialwarenladen“ noch erhalten oder wird gar noch aktiv verwendet. Zu den klassischen Kolonialwaren zählten: Rohrzucker, Kaffee, Tabak, Tee, Kakao, Gewürze und Südfrüchte. Weder heute noch damals vertrieben Kolonialwarenläden ausschließlich Kolonialprodukte. Sie waren und sind aber ein Zeugnis davon, wie präsent das Kolonialsystem auch im deutschen Alltag war und ist (siehe EDEKA = E.d.K. – Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler).

Koloniale Kontinuitäten und postkoloniale Erinnerungskultur. Die Frage, wie die Kolonialzeit erinnerungspolitisch aufgearbeitet wird, ist für verschiedene Staaten und Gesellschaften sehr unterschiedlich zu beantworten. Was wird wie erinnert, welchen Umgang findet beispielsweise die deutsche Gesellschaft mit den Verbrechen der Kolonialzeit – das sind Fragen der Erinnerungskultur. Mit dem Begriff der kolonialen Kontinuitäten soll darauf verwiesen werden, dass sich koloniales Denken und koloniale Strukturen an vielen Stellen erhalten haben. Das Erbe des Kolonialismus, seine Spuren in der Gegenwart sind dann Gegenstand der Auseinandersetzung. Dies kann sich auf Straßennamen oder geraubte Gebeine von Opfern des Kolonialismus beziehen. Unter diesem Stichwort ist aber auch eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Demokratieverständnis, der Vorstellung, was ein Nationalstaat ist, und mit Fragen globaler Gerechtigkeit nötig – all diese Punkte sind tief mit der Kolonialgeschichte verwoben und eine Aufarbeitung dieser verwobenen Geschichte(n) von europäischen Kolonialmächten und ehemals kolonialisierten Gesellschaften ist noch längst nicht zu Ende.
Kolumbus, Christoph (spanisch: Christobal Colon). Genuesischer Seefahrer, Kolonisator, Versklavungshändler, der mit seiner Landung auf den Bahamas im Oktober 1492 im Auftrag der spanischen Krone die Kolonialisierung der Amerikas durch Europa einläutete. (Sprache hat Macht – es gilt immer wieder zu überlegen, mit welchen Begriffen wir Menschen/Situationen/soziale Verhältnisse beschreiben!)

Kultur. Umgangssprachlich verbinden viele Menschen mit Kultur alle möglichen künstlerischen, geistigen und wissenschaftlichen Dinge, die in einer bestimmten Region von einer bestimmten Bevölkerungsgruppe hervorgebracht werden. Oftmals geht damit ein sehr starres, statisches, abgeschlossenes und diffuses Bild von Kultur einher, die mit einem Nationalstaat (z.B. »argentinische Tanzkultur«), mit einer Religion oder einer ganzen Region („Kultur des Orients“) assoziiert wird. Das führt oft dazu, dass rassistische Verallgemeinerungen entstehen und der Kulturbegriff den in Deutschland kaum noch verwendeten Begriff der »Rasse« ersetzt. Wir verstehen unter Kultur ein System, das unterschiedliche Wertvorstellungen schafft, mit Hilfe derer soziale Gruppen interagieren. Dabei kann diese Kultur staatliche wie auch familiäre, sprachliche etc. Grenzen überschreiten (z.B. Hip-Hop-Kultur, migrantische Diasporas). Auch »besitzt« eine Person nicht einfach eine Kultur, sondern wird von verschiedenen Kulturen beeinflusst, schreibt sie fort und gestaltet diese mit. Kulturen sind immer in Bewegung und verändern sich stetig.

Maafa. In Kiswahili bedeutet Maafa „Katastrophe, Trauma, schweres Leiden“. Historisch umfasst die Maafa-Zeit die Zeit des transatlantischen Versklavungshandels, die Kolonialisierung des Kontinents und die Entrechtung seiner Bevölkerung, einschließlich der bewaffneten Konflikte und Genozide, wie den Völkermord gegen Nama und Herero (1904 – 1908), bis zum (Neo-)Kolonialismus.

Neokolonialismus. Damit werden hier (neu errichtete und fortgesetzte) Abhängigkeiten ehemaliger Kolonien nach der formalen Entkolonisierung, die ähnlichen oder gleichen kolonialen Mustern/Logiken folgen, bezeichnet.

Normal. Zu einer kritischen, selbstreflexiven politischen Bildungsarbeit zählt für uns ein Hinterfragen der Kategorie „normal“. Was als normal gilt, verweist immer auch auf gesellschaftliche Machtverhältnisse. In der Regel definieren jene, die über Macht verfügen, welches Aussehen, Denken oder Handeln, welche Werte, Zugehörigkeiten oder Glaubensformen der Norm entsprichen und damit als „normal“ gelten. Diskriminierungssensibel zu arbeiten, bedeutet auch den eigenen Normalitätsbegriff immer wieder herauszufordern und in der Bildungsarbeit den Blick auf verschiedene Normalitäten zu weiten.

Person of Colo(u)r, People of Colo(u)r (PoC). Nicht zu verwechseln mit der rassistischen, vor allem im Apartheitregime in Südafrika benutzten Fremdbezeichnung ‚colored‘ (farbig), ist People of Color die selbstgewählte Bezeichnung einer Gruppe, die rassistische Erfahrungen teilt. Wie Schwarz ist People of Color ein politischer und widerständiger Begriff.

Quelle: Autor*innenKollektiv Rassismuskritischer Leitfaden (Hg.) (2015):
Rassismuskritischer Leitfaden zur Reflexion bestehender und der Erstellung neuer didaktischer Lehr-und Lernmaterialien für die schulische und außerschulische Bildungsarbeit zu Schwarzsein, Afrika und afrikanischer Diaspora. Berlin.

Postkolonial. Der Begriff verweist nicht so sehr auf die Situation nach dem formalen Ende kolonialer Herrschaft, sondern vielmehr auf die weiter bestehenden (post-)kolonialen Abhängigkeiten, Strukturen und Beziehungen zwischen den Kolonisatoren und den ehemals Kolonisierten. Kolonialismus ist demnach nicht geschichtlich mit der Unabhängigkeit der kolonisierten Staaten abgeschlossen, sondern wirkt bis heute fort, nicht zuletzt im Rassismus oder bei der globalen Arbeitsteilung. Diese Sichtweise ermöglicht eine kritische Reflexion kolonialer Prozesse und ihrer Folgewirkungen.
Privileg. Ein Privileg ist ein Recht, ein Vorteil oder eine Sicherheit, die ein Mensch, zumeist aufgrund einer (zugeschriebenen) Zugehörigkeit zu einer Gruppe, zugestanden bekommt. Gleichzeitig bleibt diese Person aufgrund dieses Privilegs von bestimmten Belastungen, Pflichten und Diskriminierungen verschont. Privilegien beruhen auf historisch gewachsenen, institutionalisierten Systemen – wie beispielsweise Sexismus oder Rassismus.

Race/›Rasse‹. Einige Autor_innen verwenden den deutschen Begriff ›Rasse‹ mit Anführungszeichen, um so einen deutlichen Bezug zur spezifischen deutschen Geschichte des Antisemitismus, Kolonialismus, Nationalsozialismus, des kolonialen Genozids und der Shoa zu benennen. Andere Autor_innen ziehen gerade wegen dieser spezifischen deutschen Vergangenheit den englischen Begriff race vor, um sich von der nationalsozialistischen »Rassenlehre« abzugrenzen. Race/›Rasse‹ bezeichnet konstruierte Gruppenzugehörigkeiten, die gesellschaftliche Verhältnisse naturalisieren, also diese als natürlich bezeichnen. Dazu werden vermeintliche oder tatsächliche Körpermerkmale mit Charaktereigenschaften und Handlungen der Menschen so verknüpft, dass bestimmte Verhaltensweisen für ein Resultat der angenommenen bzw. angeblichen Abstammung oder geografischen Herkunft gehalten werden. Menschliche ›Rassen‹ existieren nicht, Menschen können aber von Rassismus betroffen sein.

Rassismus. Rassismus ist eine Ideologie von Herrschaft und Dominanz, die dazu dient, die ungleiche Verteilung von Macht, Privilegien, Ressourcen und Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung zu rechtfertigen und zu stabilisieren. Diese Ideologie wird auch in den medialen Diskursen, in der Wissensproduktion und Bildung fortwährend reproduziert und schafft rassistische Realitäten – diskriminierende Strukturen und Gewalt. In Deutschland wird Rassismus meistens im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus thematisiert, weshalb sich viele Menschen in Deutschland einer kritischen und selbst reflektierten Auseinandersetzung verwehren. Rassismus gegen Schwarze Menschen hat eine lange Geschichte in Deutschland und ist als Folge der kolonialen Ausbeutung des afrikanischen Kontinents bis heute von großer Wirkmächtigkeit. Rassismus kann in vielen Formen in Erscheinung treten: als institutionelle Diskriminierung durch Behörden, im Bildungssystem und auf dem Arbeitsmarkt, in Form von medialen Repräsentationen und Zuschreibungen sowie alltäglichen Entwürdigungen und Verletzungen. Auch eine Handlung, die unbewusst und unintendiert rassistische Auswirkungen hat, ist eine rassistische Handlung.

Quelle: Autor*innenKollektiv Rassismuskritischer Leitfaden (Hg.): Rassismuskritischer Leitfaden zur Reflexion bestehender und der Erstellung neuer didaktischer Lehr-und Lernmaterialien für die schulische und außerschulische Bildungsarbeit zu Schwarzsein, Afrika und afrikanischer Diaspora. Berlin 2015.

Schwarz und weiß. Schwarz und weiß sind nicht als biologische Eigenschaften zu verstehen, sondern bezeichnen politische und soziale Konstruktionen. Schwarz und weiß sind also keine Hautfarben von Menschen, sondern beschreiben ihre Position als diskriminierte oder privilegierte Menschen in einer durch Rassismus geprägten Gesellschaft. Schwarz ist die emanzipatorische Selbstbezeichnung von Schwarzen Menschen. Um den Widerstandscharakter dieses Wortes zu betonen, wird das »S« groß geschrieben. Im Gegensatz zu Schwarz ist weiß keine Selbstbezeichnung (das heißt, weiße Menschen haben nicht von sich aus begonnen sich aufgrund ihrer privilegierten Position als Weiße zu bezeichnen), sondern beschreibt eine dominante Position, die meist nicht benannt wird. Weißsein bedeutet, Privilegien und Macht zu besitzen, wie zum Beispiel sich nicht mit Rassismus auseinandersetzen zu müssen. In Deutschland gelten weiße Menschen als »normal« und meist unhinterfragt als »deutsch«, können sich deshalb beispielsweise frei bewegen, ohne sich ständig ausweisen zu müssen und haben leichtere Zugänge zum Arbeits- und Wohnungsmarkt. Natürlich gibt es andere Diskriminierungsformen wie Klassenzugehörigkeit, die diese Zugänge auch bei weißen Menschen verhindern können. Um den Konstruktionscharakter zu verdeutlichen, wird weiß  kursiv geschrieben.

Verlernen. Dominanz und Unterdrückung sind nicht alleine äußere Prozesse, sondern werden sowohl von jenen, die Privilegien genießen, als auch jenen, die Diskriminierung erfahren, verinnerlicht. Deshalb geht in Bildungsprozessen nicht nur darum Neues zu lernen, sondern verinnerlichte Dominanz- und Unterdrückungslogiken und -mechanismen zu verlernen: sie zu hinterfragen, herauszufordern und zu verändern.

Vorkoloniale Gesellschaften. Vor der europäischen Kolonialisierung der Amerikas, Asiens und Afrikas existierten politisch, ökonomisch und sozial sehr unterschiedlich organisierte und komplex strukturierte Gesellschaften. Gerade über vorkoloniale Gesellschaften in Afrika wird heute in Europa wenig Wissen verbreitet. Im schlimmsten Fall wird Afrika als ein Kontinent ohne Geschichte dargestellt. Unterschlagen wird mit der Nichtbenennung vorkolonialer Geschichte auch das Ausmaß der Zerstörung durch den Kolonialismus.
Versklavung/Versklavungshandel/Versklavte. Die Benutzung der Silbe ‚ver‘ soll die gewaltvolle, aktive Dimension dieser Praxis betonen und herausstreichen, dass kein Mensch als Sklave geboren wird, sondern nur durch Versklavung zu einem solchen gemacht werden kann. Insbesondere die Europäer_innen haben während der Kolonialzeit Menschen vom afrikanischen Kontinent versklavt und dabei gewaltvoll über den Atlantik verschleppt und als Arbeitskräfte ausgebeutet. Millionen von Menschen wurden ihrer Freiheit beraubt und kamen dabei ums Leben. 

Zu vermeidende Begriffe. Es gibt in unserem Sprachschatz – ob in Kinder- und Geschichtsbüchern überliefert oder im Alltagsgebrauch – Begriffe, die historisch und in der Gegenwart für Gewalt, Unterdrückung, Erniedrigung und Ungleichheit stehen: Dazu gehören auch Wörter wie das N.-Wort oder der herabsetzende und irreführende Begriff ‚Indianer‘, der besser mit eigenen Gruppenbezeichnungen wie Native Americans, First Americans oder Indigenous People ersetzt werden sollten. Jenseits einer kritischen Auseinandersetzung mit Rassismus und Sprache gehören sie nicht ins Repertoire der politischen Bildungsarbeit!

Wer mehr zu den Hintergründen einzelner Begriffe wissen möchte, kann hier nachlesen: Susan Arndt, Nadja Ofuatey-Alazard (Hg.): Wie Rassismus aus Wörtern spricht. (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk. Unrast Verlag, 2011.

Viele hier eingeführten Annährungen an Begriffe sind folgender Publikation entlehnt:

quix. kollektiv für kritische bildungsarbeit (Hg.): Willst Du mit mir gehen? Gender_Sexualitäten_Begehren in der machtkritischen und entwicklungspolitischen Bildungsarbeit. Wien, 2016.